Heiliger Flaschengeist

Ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung zum klösterlichen Weinbau

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Als Brauer sind Mönche überall berühmt, als Winzer hingegen fast vergessen. Zu Unrecht. Warum es heute geradezu ein Gütesiegel ist, wenn ein Weingut noch zu einem Kloster gehört.

Von Patricia Bröhm

Der heilige St. Urban, Schutzpatron aller Winzer, schaut Michael Moosbrugger als holzgeschnitzte Statue über die Schulter, als der eine Flasche seines besten Grünen Veltliners entkorkt. Im Verkostungsraum von Schloss Gobelsburg vergisst man die große Geschichte in keinem Moment, dafür sorgen schon das uralte Kreuzgewölbe, die barocken Engel an der Wand oder die Nussbaumvitrinen aus dem 18. Jahrhundert. Das Renaissance-Schlösschen liegt malerisch im Kamptaler Weinbauort Langenlois, eine Autostunde nordwestlich von Wien. Mit seinen knapp 850 Jahren ist das Weingut nicht nur einer der ältesten kontinuierlich geführten Winzerbetriebe Europas, sondern auch einer der wenigen, die sich noch in klösterlichem Besitz befinden. Eigentümer sind die Mönche der Zisterzienserabtei Zwettl. Bemerkenswert ist aber nicht nur die Geschichte, sondern auch die Qualität. Das Gut gilt als Ikone des österreichischen Weinbaus.

Großen Anteil an dem Status hat Michael Moosbrugger, der das Weingut seit 1996 führt, als erster weltlicher Kellermeister. Der erwähnte Wein, ein 2017er Jahrgang aus der Einzellage “Ried Lamm” gilt als einer der besten Grünen Veltliner im Land. Ein kraftvoller Wein, der nach reifen Äpfeln und Quitten duftet und mit viel Würze am Gaumen nachhallt, seine Mineralik verdankt er der Spitzenlage Zöbinger Heiligenstein. Nicht von ungefähr lagern in Gobelsburger Kellern Weine aus den berühmtesten Lagen des Kamptals – Lamm und Grub, Zöbinger Heiligenstein, Kammerner Gaisberg: “Seit 1171 besitzt das Stift Weingärten in der Region, über die Jahrhunderte konnten sich die Mönche die besten Lagen sichern”, sagt Moosbrugger. “Und sie besaßen früher als alle anderen das Knowhow, deren Potenzial herauszukitzeln.”

Kaum einer hat den Weinbau so nachhaltig geprägt wie Mönche

Klöster waren von jeher Zentren des Wissens und der Forschung, auch was Landwirtschaft und Ernährung betrifft – man war ja Selbstversorger. Heute bieten Klosterläden ihre Produkte online an, von Trappistensenf über Käse bis Kräuterschnaps. Und Bier aus bayerischen Klosterbrauereien wie Andechs oder Ettal ist ein Renner. Ein wenig in Vergessenheit geraten ist dagegen, dass Mönche auch die Geschichte des Weinbaus entscheidend prägten. Und dass einige der besten Weine Europas bis heute hinter Klostermauern gekeltert werden.

Michael Moosbruggers Vorgänger als Kellermeister war Pater Bertrand Baumann, Abt von Zwettl im österreichischen Waldviertel und ein echter Fachmann, wie die gereiften Weine aus seiner Zeit belegen, die noch in den Tiefen des Kellers schlummern. Pater Bertrand, ein frühes Marketinggenie, machte den “Gobelsburger Messwein” zur bekannten Marke. Er ist noch heute im Programm und darf als Messwein in Österreich, anders als in Deutschland, auch an Privatleute verkauft werden. Für rund zehn Euro steht er als Grüner Veltliner für den klassischen Stil des Kamptals: ein leichter, trinkfreudiger Wein, feinwürzig und mit angenehmer Frucht, aber nicht zu aromatisch, ein perfekter Essensbegleiter.

Der Messwein animierte einst die Mönche, sich für Weinbau zu interessieren, für den täglichen Gottesdienst waren sie ja auf Nachschub angewiesen. Zudem ließ sich mit Wein Geld verdienen: Im Mittelalter, als sauberes Trinkwasser rar war, galt Wein als Grundnahrungsmittel, im Bayerischen Chorherrenstift Schäftlarn etwa hatte jeder Mitbruder Anrecht auf 500 Liter pro Jahr. Oft wurden Klöster schon bei der Stiftung mit Weingärten beschenkt; sie setzten alles daran, diesen Besitz auszudehnen. Wohl niemand in der Geschichte hat den Weinbau derart vorangebracht wie die Zisterzienser, deren Mutterabtei Cîteaux zum Schrittmacher der Entwicklung im Burgund wurde. Viele heute berühmte Appellationen sind ihnen zu verdanken, etwa in Pommard, Volnay oder Chablis, wo Mönche als Erste den Chardonnay gepflanzt haben sollen.

Die Mönche erkannten rasch, dass Weine aus bestimmten Lagen viel besser gerieten als andere, und wurden zu Vordenkern der Lagenklassifikation. Eine der damals wie heute berühmtesten Grand-Cru-Lagen ist der “Clos de Vougeot” an der Côte de Nuits, rund 50 Hektar bester Rebflächen, die sie als Versuchsweinberg nutzten und schon 1330 mit hohen Mauern vor Trauben-Diebstahl schützten.

Auch in Deutschland wurden Neuerungen im Weinbau von Ordensbrüdern vorangetrieben. Im Rheingau hatten die Zisterziensermönche von Kloster Eberbach schon im 12. Jahrhundert durch Tausch und Kauf von Parzellen einen 37 Hektar großen Weinberg in bester Lage geschaffen, den Steinberg – bis heute wachsen hier einige der begehrtesten Weine der Region. Auf das Konto der Benediktiner vom damaligen Kloster Johannisberg wiederum geht nicht nur die erste verbürgte Pflanzung einer Rieslingrebe im Rheingau im Jahr 1716, sondern auch die Erfindung der Spätlese (1775), also einer gezielt späteren Lese vollreifer Trauben.

Die Mauern der Kellergewölbe des Guts gehen zum Teil auf das 12. Jahrhundert zurück.
(Foto: Weingut und Schloss Gobelsburg)

In Klosterkellereien weiß man, wie Marketing-Sprech mit uralter Tradition verrührt wird

Die beiden großen Rheingauer Riesling-Domänen gingen wie fast alle Klosterkellereien in Zentraleuropa nach der Säkularisierung um 1803 in private Hände über, doch die Weinkultur, die sie begründet hatten, lebte fort. Vielerorts legten Zisterzienser den Grundstein für deutsche Weinkultur, so in Saale-Unstrut mit dem heutigen Landesweingut Kloster Pforta oder am Bodensee mit dem Weingut von Kloster Salem, heute im Besitz des Markgrafs von Baden. In Würzburg gründete Bischof Julius Echter, als Teil einer gemeinnützigen Stiftung, 1576 das Juliusspital, das heute mit 180 Hektar Deutschlands zweitgrößtes Weingut ist. Und in der Schatzkammer des Ortsrivalen Bürgerspital, bereits 1316 gestiftet, lagert noch heute eine Flasche Silvaner des Jahrtausendjahrgangs von 1540.

Weingüter bis heute in geistlicher Hand zu halten, gelang am ehesten in katholischen Regionen wie Italien oder Österreich. Zu den ältesten Kellereien der Welt zählt die Stiftskellerei Neustift (1142), die umgeben von Reben im Südtiroler Eisacktal bei Brixen liegt, wo sich Weinberge bis auf 900 Meter Höhe hinaufziehen. Unter der prächtigen Basilika des Klosters liegt ein wahrer Schatz: Im uralten Weinkeller lagern bei rund ums Jahr konstant kühlen Temperaturen einige der besten Gewächse Südtirols. Die Augustiner-Chorherren sind klug genug, ihrem Kellermeister freie Hand zu lassen. Die Rieslinge und Sylvaner der Prestigelinie “Praepositus”, lateinisch für Probst, heimsen in Italiens Weinführern jedes Jahr höchste Auszeichnungen ein.

Die durchweg hohe Qualität der noch bestehenden Klosterweingüter hat weniger mit himmlischer Vorsehung zu tun als mit handfesten irdischen Gründen. Schließlich hatten die Mönche viele Jahrhunderte Vorsprung, sich die jeweils besten Lagen zu sichern. Ein weiterer Vorteil ist, dass man bei allen weltlichen Interessen in Klöstern einfach ein wenig anders tickt. So waren die Mönche von Zwettl aufgrund ihres Glaubens von jeher bestrebt, möglichst naturbelassene Weine zu machen, eine Stilistik, die erfreulich modern wirkt und die Michael Moosbrugger fortführt. Seine wertvollsten Lagen lässt der Gobelsburger Kellermeister seit Jahren nach biologisch-integrierten Grundsätzen bewirtschaften, auch im Keller greift er so wenig wie möglich in die natürliche Entwicklung ein. Das geht so weit, dass Fässer auf Rädern eingesetzt werden – so muss man den Wein nicht mehr umpumpen, was ihn im wahrsten Sinne aufwühlt, sondern kann ihn bei Bedarf einfach in eine andere Temperaturzone rollen. “Dynamic cellar concept” nennt Moosbrugger das – so verschmilzt Marketingsprech des 21. Jahrhunderts mit uralter Tradition.

Die größten Schätze von Gobelsburg lagern im ältesten Teil des Kellers, der auf das 12. Jahrhundert zurückgeht – man wird andächtig, wenn man hier steht und auf die gut erhaltenen Bruchsteinmauern schaut. Auch Moosbrugger denkt in dieser Kontinuität, er beschäftigt sich intensiv mit historischer Weinbereitung und brachte die Linie “Tradition” auf den Markt, deren Weine so gekeltert sind, wie es vor 200 Jahren üblich war. Weil er derzeit den Fasskeller erweitern lässt, setzte er sich mit zisterziensischer Architektur auseinander, die er mit ihrer geradlinigen, schmucklosen Formensprache als frühes Beispiel von “form follows function” sieht. Seine Vorgabe an die Architekten: “Die Kellererweiterung muss die nächsten 500 Jahre überstehen.” Das bedeutet: kein Stahlbeton, nur Ziegel und Stein, wie zu Zeiten der Klostergründer.

“Die Mönche sollen sich im Weingut wiederfinden”, meint Moosbrugger. Daher macht er auch in seiner Funktion als Kellermeister Kompromisse. Das derzeit so angesagte Thema Natur- und Orangewein würde ihn reizen, aber er verkneift sich derartige Experimente: “Das hat mit unserer 850-jährigen Geschichte nichts zu tun.”

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